Podiumsdikussion lockte mehr als 450 Gäste in die Stadthalle

(dor) Zur Auseinandersetzung mit einem der schwierigsten gesellschaftlichen und individuellen Felder lud der Ökumenische Hospizverein Groß-Umstadt ein. Das Thema „Sterbehilfe“ lockte im Rahmen einer Podiumsdiskussion gut 450 Gäste in die Stadthalle. Zum großen Teil waren dies ehrenamtlich Engagierte oder Menschen, die sich von Berufs wegen mit diesem Reizthema auseinandersetzen müssen. Andere kamen aus persönlicher Betroffenheit und Interesse.  Laut Umfragen kann sich mindestens die Hälfte der Deutschen heute vorstellen, im Alter bei hohem Leidensdruck ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.  Angesichts der demografischen Entwicklung, der Möglichkeiten der „Maximalmedizin“ und der Entwicklung in Nachbarländern gelange das Thema also auch in Deutschland zunehmend in den gesellschaftlichen Blickpunkt, hieß es vom Hospizverein.

Umsichtig und jederzeit den Überblick behaltend leitete Dirk Emig vom Hessischen Rundfunk die Diskussion vor vollem Haus, bei der sich die Podiumsteilnehmer in vielen Dingen einig zeigten.

Flyer PodiumsdiskussionDas waren die 1953 geborene Brigitte Zypries, Mitglied des Bundestages, die als ehemalige Bundesjustizministerin die Patientenverfügung mit auf den Weg gebracht hatte, über welche am Abend gleich mehrfach gesprochen wurde, und Stefan Heuser (Jahrgang 1971), Pfarrer in den evangelischen Kirchengemeinden Kleestadt und Richen, der zugleich Privatdozent am Lehrstuhl für Ethik an der Universität Erlangen-Nürnberg ist und eine theologische Erkundung zum Thema Menschenwürde verfasst hat. Daneben vertraten ihre jeweiligen Standpunkt die beiden sehr unterschiedlichen Ärzte Dr. Andreas Rost, Onkologe und Oberarzt mit Schwerpunkt Palliativmedizin am Klinikum Darmstadt, Jahrgang 1954, und oberärztlicher Leiter des Ambulanten Palliativteams am Klinikum Darmstadt, sowie der in Deutschland umstrittene Sterbehelfer Uwe Christian Arnold  (geboren 1944). Bis 2000 praktizierte er als Urologe in eigener Praxis in Berlin, bis 2012 war er tätig als Arbeitsmediziner in Thüringen. Seit 15 Jahren ist Arnold deutschlandweit als Sterbehelfer unterwegs , war bis 2010 zweiter Vorsitzender des Sterbehilfevereins Dignitas in Hannover.

Das Thema „Sterbehilfe“ ist schwierig in ethischer, medizinischer, juristischer und historischer Dimension. Als Hospizverein wolle man zur Information beitragen und die Diskussion in der Bevölkerung anregen, hieß es.  Weiterer Anlass für die Veranstaltung war eine Initiative zur Änderung der momentanen gesetzlichen Regelung durch den Bundestag, mit der noch in diesem Jahr gerechnet wird. Aktuell werden vier Gesetzesentwürfe erarbeitet, vom vollständigen Verbot bis zu einem „Wir erlauben das“, beschrieb Brigitte Zypries die politische Situation. Da ethische Themen wie dieses, ähnlich dem Paragrafen 218, keinem Fraktionszwang unterliegen , „stimmt jeder nach seinem Gewissen ab“. Bis dahin werde es voraussichtlich das dritte Quartal 2015 und noch etliche  Diskussionen und Informationen geben.

An jedes einzelne Gesicht der insgesamt 200 Menschen, denen er bisher zum Sterben verholfen hat, erinnere er sich, sagte Uwe Christian Arnold. „Alle sind mir durch ihre Festigkeit und ihre Absicht im Gedächtnis.“ Bei Anfragen erkenne er den Hilferuf, berichtete der Mediziner, der in Berlin mehrfach gegen die Ärztekammer gestritten hat. Für die evangelische Kirche gilt die aktive Sterbehilfe eindeutig als Beihilfe zur Tötung und sei daher generell abzulehnen, sagte  Pfarrer Stefan Heuser, für den die Suizid-Prävention Priorität hat.
In vielen Fällen könne er jenen, die ihn um Sterbehilfe ersuchten, Alternativen aufzeigen, erläuterte Arnold. Oftmals verweise er auch an Fachärzte oder Palliativteams weiter. Wenn Menschen erkennen würden, dass ihnen geholfen werden kann, sie keine Schmerzen erleiden müssen und die Angst abgebaut, lebten sie oft noch jahrelang, berichtete der Sterbehelfer von manchen Fällen. Wolle aber jemand definitiv sterben, helfe er ihm dabei, besorge die Medikamente und bleibe auf Wunsch auch anwesend. Auch bei Alzheimer-Kranken machte Arnold seine Position deutlich, sie müssten gehen, solange sie noch entscheiden können. “Sie müssen entscheidungsfähig sein, dann helfe ich ihnen, aber sie müssen es allein tun.” Nach anderthalb bis zwei Stunden sei man fest eingeschlafen. “Das Herz setzt aus, das merkt man gar nicht.“

37 Prozent aller befragten Ärzte sagten, so Arnold, könnten sich vorstellen, Hilfe zum Suizid zu geben. Bedingung sei die bewusste und freie Entscheidung. „Am liebsten sind mir die Fälle, wo man mehr Zeit hat.“ In der Regel besucht Arnold auf Anfrage die sterbewilligen Patienten,spricht anderthalb oder zwei Stunden mit ihnen um sich ein Bild zu machen. „Der Punkt ist, wer ist geschult, solche Entscheidungen zu treffen“, fragte da Pfarrer Heuser. „Was sind die Kriterien dafür, dass es sich um einen legitimen Sterbewunsch handelt?“ Hilferufe müssten adäquat behandelt werden. Dass man da in
einer Spannung lebe, könne nicht wegdiskutiert werden. Er wies auf die Seelsorge hin, psychomedizinische Beratung, eine Sedierung als “ultima ratio” und ein bewusstes Abschiednehmen zuvor. „Können wir sagen, wir sind Herr über Leben und Tod?“ Schwerstkranke seien sehr gut in der Lage, im für sie richtigen Moment Abschied zu nehmen „und tun das auch”, wusste der evangelische Pfarrer.     

Podiumsdiskussion SterbehilfePodiumsdiskussion Sterbehilfe Zum Thema Sterbehilfe diskutierten in der Stadthalle (v.l.n.r.) Dr. Andreas Rost, Palliativmediziner am Klinikum Darmstadt, Brigitte Zypries, ehemalige Bundesjustizministerin, Moderator Dirk Emig vom Hessischen Rundfunk, der evangelische Pfarrer und Ethik-Dozent sowie Dr. Uwe Christian Arnold aus Berlin, Arzt und aktiver Sterbehelfer. Die Podiumsdiskussion stieß auf enormes Interesse: Mit mehr als 450 Zuhörern war die Umstädter Stadthalle bei dieser Veranstaltung des Ökumenischen Hospizvereins sehr gut gefüllt.

„Bei uns wird auch gemenschelt“, schilderte Palliativmediziner Rost die Arbeit auf seiner Station. „Wir wissen, wie man aktiv stirbt.“ Der Unterschied sei „Wir leisten Hilfe im Sterben, nicht zum Sterben.“  Seit 2008 ist gesetzlich verankert, dass Arzt und Pflegekraft für sterbende Patienten rund um die Uhr verfügbar sein müssen. Selbst im ambulanten Bereich sei gewährleistet, dass Tag und Nacht Helfer zu Sterbenden auch nach Hause kommen, wohin sie unter Betreuung des Palliativteams heutzutage entlassen werden können, sagte Rost, der auch Mitglied des Klinischen Ethik-Komitees im Klinikum Darmstadt ist.
Wenn auch in diesem Bereich schon vieles geschehen sei, betonte Zypries, solle Deutschland noch mehr auf die Palliativmedizin setzen. Er bekäme auch Anrufe aus Hospizen, berichtete wiederum Arnold. Bis zu tausend Menschen in Deutschland wollten oder müssten Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Da wäre es doch wichtig, dass der individuelle Arzt über ebensolches Wissen verfüge wie er. „Als Fachmann  komme ich doch an die Hilfe ran.“ Das Gesetz verbietet gewerbliche Sterbehilfe, und das solle auch so bleiben, war man sich auf dem Podium einig. Rost meinte, eine altruistische, die nicht organisierte Sterbehilfe, wurde durch einen Gesetzentwurf bereits abgemildert. Sie sei zwar straffrei, werde aber als rechtswidrig angesehn.
Die Autonomie bewahren bis zum Ende, das ist wohl das Ziel aller. Niemand möchte leiden, am Ende Schmerzen erdulden oder in irgendeiner Art dahin siechen. Der dringliche Wunsch, zuhause zu sterben, dort mit einer guten Mischung aus familiärer und professioneller Pflege, das ist es wohl, was sich die meisten im Falle eines bevorstehenden Todes dringend wünschen. Zuversicht gab Andreas Rost, der überzeugend vermittelte, es müsse heute keiner mehr Schmerzen haben. „Die Medizin ist so weit“. Letzte Option der Palliativmedizin, so Rost,sei die Möglichkeit, das Bewusstsein auszuschalten, um Schmerzen und Leiden auszuschalten. Diese palliative Sedierung sei der akzeptable Pfeil im Köcher, spielte er auf eine vorherige Bemerkung aus dem Publikum an. Für viele schien es nämlich sehr beruhigend, einfach nur zu wissen, der Arzt habe noch "einen Pfeil im Köcher". Zeitpunkt, Beginn und Dauer einer Sedierung bestimme der Patient. Aber: "Auch wir erleben Suizide”, berichtete Rost.
Mehrmals kamen Zuhörer zu Wort, die versuchten, Aspekte des christlichen Glaubens mit einzubringen. Andere vertraten den Standpunkt, jeder müsse über das Ende seines Lebens frei bestimmen dürfen. Etliche Problem- und Grenzfälle liegen irgendwo im Diffusen – was ist zum Beispiel mit Depressiven, Schizophrenen, psychisch Kranken, den so genannten „Austherapierten“? Wie verhalten bei einem Sterbehilfewunsch von Kindern?

Lösungen gab und gibt es erwartungsgemäß keine bei dieser schwierigen Thematik und letztlich ganz persönlichen Diskussion über schwerwiegende Entscheidungen, die doch niemand im voraus mit allen Aspekten durch kalkulieren kann.  

Neue Impulse gab es allemal, nachdenklich bis angeregt verließen viele die Veranstaltung. „Gut, dass es überhaupt mal so etwas gibt“, lobten einige das Angebot. Besser informiert und auf dem aktuellen Stand zu sein, das verleiht letztlich mehr Sicherheit. Und wer bis dahin noch keine Patientenverfügung ausgefüllt hatte, der wird jetzt wahrscheinlich mit neuer Motivation die Sache nochmal angehen. Als „wertvolles Instrument“, das dem Arzt weiterhilft, wenn der Patient nicht mehr sprechen kann“, begrüßte Rost die Patientenverfügung, die juristisch mittlerweile so abgesichert ist, dass sie „unbedingt“ eingehalten werden muss.

Zypries empfahl, auch einen Bevollmächtigten mit in die Verfügung zu schreiben, der mit   
dem Arzt sprechen kann. Sie riet, sich an ehrenamtliche Mitarbeiter und Helfer zu wenden, die davon mehr verstehen. Die Patientenverfügung trete nur in Kraft, wenn man nicht mehr bei Bewusstsein ist. Aber auch bei Bewusstlosigkeit stehe man immer wieder vor Fragen. „Beginnen wir mit der künstlichen Ernährung oder nicht“? schilderte Rost, Mitglied des Klinischen Ethik-Komitees des Klinikums Darmstadt. „Man kann verfügen“, so Zypries, „dass man keine lebensverlängernden Maßnahmen möchte.“ Auch wenn dies unsicher bleibe, so Rost, zum Beispiel bei fortschreitender Alzheimer, wenn jemand Ernährung einfach ablehne, „dann lassen wir ihn. Nicht mehr essen ist der Beginn eines Sterbeprozesses“, bezeichnete er die Akzeptanz von Leben und Tod als natürlichem Vorgang.  

Sehr viele positive Reaktionen gab es am Ende auf diese Podiumsdiskussion, der Veranstalter wertete sie als Erfolg, viele verließen still und nachdenklich die Stadthalle, andere waren voll des Lobes über die offene Diskussion mit dem Publikum, die mit großem Einfühlungsvermögen geführt wurde.

 
Bild und Text: Dorothee Dorschel

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Am Farmerhaus 1, Groß-Umstadt

Di, 06. Okt, 19:00 -21:00
Selbsthilfegruppe für Trauernde nach Suizid
Wächtersbachstr. 33a, 64823 Groß-Umstadt

Sa, 24. Okt, 10:00 -15:00
Letzte Hilfe Kurs
Reinheim, Martin-Luther-Haus, Erlenweg 8

Di, 03. Nov, 19:00 -21:00
Selbsthilfegruppe für Trauernde nach Suizid
Wächtersbachstr. 33a, 64823 Groß-Umstadt

Sa, 07. Nov, 15:00 -17:00
Trauer-Lebens-Café
Saint-Péray-Str. 9, Groß-Umstadt

Mi, 11. Nov, 17:00 -21:00
Letzte-Hilfe-Kurs
Saint-Péray Str.9, Groß-Umstadt, Beratungsstelle

Di, 01. Dez, 19:00 -21:00
Selbsthilfegruppe für Trauernde nach Suizid
Wächtersbachstr. 33a, 64823 Groß-Umstadt

Sa, 05. Dez, 15:00 -17:00
Trauer-Lebens-Café
Saint-Péray-Str. 9, Groß-Umstadt

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